Mittwoch, 14. Dezember 2011

Leseprobe Feuersteine

Aus der Winterliebe-  andere Love Storys eine Leseprobe meines Beitrags Feuersteine.
Ihre Augen hatten Aischa gefangengenommen und wollten sie nicht gehen lassen. Dieses besondere Braun zog sie in ihren Bann. Ein warmer Farbton, der Ruhe, Geborgenheit, Sicherheit versprach.
Aischa bemerkte winzige Fältchen an den Augenwinkeln, bewunderte die wundervollen Wimpern, die Tiefe ihrer Augen. Ihr Gesicht war nicht extrem schön, ungeschminkt, die Haut gerötet von der Kälte, ein winziger, gerade verheilter Kratzer am Kinn, schmale Lippen, eine gerade Nase und hellbraunes, weich fallendes Haar.
Sie trug einen warmen Mantel, unter dem verschiedene Stoffschichten zu erkennen waren. Nicht ihrer Farbe, sondern vielmehr ihrer wärmenden Funktion wegen ausgewählt und wenig kleidsam. Bedächtig zog sie ihre dicken, dunkelgrünen Handschuhe aus. Schmale Finger mit kurzen Nägeln kamen zum Vorschein, denen man ansehen konnte, dass sie damit arbeitete und sie nicht in einem Manikürsalon behandeln ließ. Um ihre Beine spielte eine Jeans, die zu weit war, um elegant zu sein. Nichts an ihr war besonders auffällig. Bis auf ihre Augen.
„Können Sie Schönheit erkennen, wenn sie Ihnen begegnet?“, fragte sie Frank ernst. Dieser lachte. Mit einer Spur Spott darin – Aischa kannte sein Lachen, welches höflich klang, immer jedoch eine Prise abfällige Häme enthielt. Ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie fühlte sich verunsichert, innerlich bebend und zugleich fasziniert.
„Oh schau, Aischa, hier gibt es Steine zu kaufen“, bemerkte Frank mit demselben Unterton darin. Er hob einen halbierten Stein hoch und musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wirklich Steine.“
Es klang ein wenig ungläubig und Aischa löste ihren Blick von der Verkäuferin und wandte ihn ihrer Ware zu. Frank hielt einen Feuerstein in der Hand. Die typische, weiß-schwarze Kruste umschloss ein dunkel gefärbtes Inneres und erinnerte sie durchaus an einen unbearbeiteten Edelstein.
„Gewöhnliche Steine“, ließ Frank verlauten, betrachtete ungeachtet seiner Worte die Auslagen jedoch interessiert. Schmuckanhänger aus geschliffenen Steinen in allen möglichen Größen und Formen lagen auf einer Unterlage aus schwarzem Stoff. Manche waren handtellergroß, andere so klein wie ein Daumennagel. Es gab offensichtlich grob bearbeitete Stücke, deren raue Wellen einem urzeitlichen Werkzeug glichen und viele, die geschliffen und poliert waren.
Aischa staunte über die unterschiedlichen, wunderbaren Muster und entdeckte ständig neue, noch schönere Stücke. Eine Sammlung aus Edelsteinen hätte nicht mehr Verzückung bei ihr auslösen können als diese offensichtlich normalen Feldsteine. Ihr Blick fiel auf einen Anhänger mit braunen Strukturen und im selben Moment legten sich schlanke Finger darum und hoben ihn auf.
Aischa folgte dem Anhänger und sah die Frau an, die ihn lächelnd in der Hand hielt.
„Ein Feuerstein“, erklärte sie. „Jahrmillionen vor unserer Zeit entstanden.“
„Geschmolzenes Gestein, welches wieder erstarrt ist“, erklärte Frank. „Das universelle Werkzeug und die vielseitigste Waffe unserer Vorfahren.“ Sein Lachen verhallte in den Klängen der Weihnachtsmusik.
Die Frau bedachte ihm mit keinem Blick, lächelte lediglich nachsichtig.
„Die Entstehung von Feuerstein oder Flint ist noch umstritten, aber man geht eher davon aus, dass er durch Ablagerungen von kieselsäurehaltigen Skeletten in den flachen Meeren entstanden ist. Es gibt ihn auf der ganzen Welt und in ganz verschiedenen Farben. Dieser stammt von Helgoland, wo es diese besondere, rotbraune Farbe gibt.“ Sie öffnete ihre Hand und präsentierte das Schmuckstück darauf.
„Wunderschön“, hauchte Aischa. Das feine, rotbraune Muster im Innern schien sie anzusehen, wie ein echtes Auge. Frank schob sich neben sie, betrachtete den Stein neugierig.
„Das ist wirklich ein schönes Stück. Gefällt er dir?“
„Und wie.“ Aischa streckte die Hand aus und die Verkäuferin ließ ihn hineingleiten. Ihre Finger berührten sich für einen winzigen Moment. Aischas Atem beschleunigte sich, sie wusste nicht warum, ihr Herz pochte jedoch plötzlich schneller in ihrer Brust. Diese schlanken Finger ...
Der Stein fühlte sich warm an. Ihre Körperwärme, sie hat ihn in der Hand gehalten, wurde Aischa bewusst. In diesen Fingern. Unerklärlich durchzog sie der sehnsüchtige Gedanke, diese Finger in ihrer Hand, an ihrem Unterarm zu spüren. Sie lächelte und die andere Frau lächelte zurück. Eine Frage? Eine Antwort? Aischa hätte weder das eine noch das andere formulieren können. Zwischen ihnen war etwas, dem sie keine Worte, keinen Namen, nicht einmal ein echtes Gefühl zuordnen konnte.
„Dann kaufe ich ihn dir“, durchbrach Frank ihre abschweifenden Gedanken. „So ein schönes Stück gehört um einen schönen Hals.“ Er kramte nach seiner Brieftasche, während Aischa abwechselnd den Stein und die Frau ansah. Zwischen ihnen schwebte das Lächeln, verband sich mit dem Geruch nach feuchten Tannennadeln, Crepes mit Nutella und Kakao vom Stand gegenüber. Aischa strich mit dem Daumen der anderen Hand über die glatte Oberfläche.
„Ein Stein aus den Tiefen. Er erdet und gibt Halt“, erklärte die Verkäuferin mit gesenkter Stimme und Aischa wurde klar, dass diese Worte nur für sie waren. Frank blickte sie fragend an. „Fünfzehn“, fügte sie hinzu.
Frank gab ihr einen Zwanzig- Euro-Schein mit den Worten: „Behalten Sie den Rest. Das ist der allemal wert.“
Er nahm ihn Aischa ab, öffnete das dünne Lederband und trat hinter sie, um ihr den Stein umzuhängen. Sie neigte den Kopf leicht, als er ihre langen Haare zur Seite strich und ihren Hals entblößte. Es war kaum hörbar, doch Aischa war sich sicher, dass die andere Frau tiefer eingeatmet hatte. Ein feines Geräusch, wenn jemand die Lippen öffnete und die Luft einsog. Der Stein fühlte sich kühl an, als er von ihrer Kehle hinab glitt und auf ihrer Brust zu liegen kam. Glatt, angenehm war das Gefühl auf der Haut, als ob er genau dort hingehören würde.
Aischa lächelte noch jetzt über den Gedanken, der ihr damals gekommen war. Als ob der Stein sein Zuhause gefunden hätte, seine Bestimmung. Sie. Oder sie ihn.
Jemand rempelte sie an, murmelte eine hastige Entschuldigung und sie tauchte endgültig aus ihren Erinnerungen auf. Ihre Hand legte sich automatisch an die Stelle ihres Mantels, unter der der Stein auf ihrer Haut lag. Wann immer sie ins Grübeln geriet, wann immer sie eine dieser besonderen, nachdenklichen Stimmungen hatte, fanden ihre Finger fast von alleine den Weg an dessen glatte Oberfläche.
„Er gibt Halt.“ Ihre Worte waren ihr seither nicht aus dem Kopf gegangen. Sie auch nicht.

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