Mittwoch, 3. Oktober 2012

Nächtlicher Besuch

Nicht immer kommen nachts diejenigen zu mir, die ich gerne in meinem Kopf hätte. Mit diesem Besucher hatte ich nun allerdings gar nicht gerechnet, der sich da ganz frech neben mich legte und mir unter anderem von seiner großen, unerreichbaren Liebe was vorsäuselte:
>Ich bin eine Schlampe. Ich weiß es, jeder weiß es.
Auch Mann wird nicht erfolgreich in diesem Geschäft nur mit einem hübschen Gesicht, charmantem Lächeln, geradem Gang und Hüftschwung. Zumindest nicht dem üblichen Hüftschwung.
Das Geschäft ist hart. Niemand weiß das besser, als ich. Ich bin lange genug dabei.
Mit siebzehn die ersten Fotoshootings, mit achtzehn lief ich bereits für zwei große Modedesigner. Nicht nur, weil ich gut bin und ein überaus attraktives Gesicht habe.
Ich weiß noch, wie nervös ich war, als ich in dem Atelier vor dem großen Meister auf und ab lief. Seine Augen glänzten, er mochte mich. Nicht nur meine Bewegungen. Oder vielleicht doch. Gerade die.
Meine Agentur hatte den Termin ausgemacht. Ich hatte damals noch nicht einmal einen Führerschein, steckte noch in der Schule und war mit Bahn und Taxi nach München gekommen.
Der große Meister war schwul, jeder von uns wusste es. Einige hatten beim Warten ein paar Witze darüber gerissen. Ich hatte nur gelächelt. Mir egal. Ich mochte Frauen und Männer, wenngleich meine Erfahrungen mit letzteren sich arg in Grenzen hielten. Aber ich war neugierig.
So neugierig, dass ich das Angebot, welches mir der große Meister bei dem folgenden Gespräch unter vier Augen in seinem Büro machte, nicht einmal verwerflich fand. Zudem sah er nicht extrem abschreckend aus.
Letztlich war es also doch mein Hüftschwung, der mir den ersten Job brachte. Wenngleich dieser eher auf seinem Schoss, und unter wildem Gestöhne seinerseits, vorgeführt wurde.
Es war nicht mal schlecht. Es war erträglich. Die Schmerzen zweitrangig, denn ich hatte den Job. Meine Einstiegskarte in die Welt der Laufstege und Modeschauen.
Nenn mich eine Schlampe und ich lache dir ins Gesicht, denn ja: Das bin ich. Aber erfolgreich.<

1 Kommentar:

  1. Hammer! Irgendwie hab ich das Gefühl, ich kenn den Erzähler...sicher bin ich mir da hingegen überhaupt nicht!
    Hört sich nach 'ner neuen Storyline an, 'ner verdammt guten, wie immer, wenn sie von Dir kommt, Chris!

    Bin gespannt ob, und wenn ja, wann da mehr kommt.

    LG,
    Carmen

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