Mittwoch, 27. April 2016

Lesehappen 3 Highspeed Love

„Miles.“ Er stieß den Namen aus und spürte denselben Zorn, dieselbe brodelnde Wut. Nichts war vergessen. Nichts vergeben. Egal wie oft sie aufeinandertrafen.
„Zwillingsbrüder. Wahnsinn, wie ähnlich die beiden sich sind, nicht wahr? Bis auf die Narbe dort an der Lippe. Ich habe schon oft gehört, dass die beiden verwechselt …“ Eddie plapperte drauflos, doch Cole hörte ihm nicht zu. Mit Groll im Magen starrte er auf das Foto und den Mann. Maxwell, nicht Miles, und ja, Maxwell hatte eine dünne, relativ unauffällige Narbe links an der Wange, die sich über den Mundwinkel bis zum Kinn zog. Was für eine Ironie.
„… und guck dir mal seine Qualifikationen an. Der Kerl macht aus jeder Suppendose eine fantastische Wettkampfmaschine.“ Begeistert deutete Eddie auf die Liste. Ja, in der Tat, die konnte sich sehen lassen. Maxwell war vermutlich einer der am besten ausgebildeten Mechaniker. Er war damals schon so etwas wie eine Legende gewesen. Damals.
Die Liste endete allerdings nicht dort, wo Cole es vermutet hatte: Maxwell arbeitete aktuell in einer renommierten Motorradwerkstatt.
Drei Jahre. Was hatte der wohl in den letzten Jahren getrieben?
„Dir ist schon klar, dass dieser Mann beinahe seinen Bruder in den Himmel befördert hat?“, unterbrach Cole Eddies Schwärmerei. „Technischer Defekt an der Maschine, die Lenkung blockierte. Miles ist mit voller Wucht aufgeprallt und … Oh, lass schauen: Der verantwortliche Mechaniker war sein eigener Bruder, Maxwell Bowders. Er wurde nur deshalb nicht wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, weil sein Bruder das partout nicht wollte.“ Schaudernd dachte Cole an den Unfall, der direkt vor ihm passiert war. Er konnte von Glück reden, dass er schnell genug ausgewichen war. Noch immer sah er Miles’ Körper durch die Luft wirbeln, aufschlagen und mit verdrehten Gliedern liegenbleiben. Ein absolutes Wunder, dass er das überlebt hatte.
Eddie machte eine wegwerfende Bewegung. „Gerüchte besagen auch, dass Maxwell an jenem Tag gar nicht zugegen war.“
„So?“ Cole krauste die Stirn und blickte ihn skeptisch an.
„Erinnerst du dich noch daran? An den Tag, als es passierte? Hast du ihn gesehen? War er dabei vor dem Start?“ Herausfordernd hob Eddie das Kinn.
„Worauf willst du hinaus?“ Ja, er klang misstrauisch. Eddie schien Informationen zu haben, die er nicht besaß. Was an sich nichts Ungewöhnliches war. Sein Manager war berühmt-berüchtigt dafür, und ein Teil seines Erfolges basierte gewiss darauf, dass er wusste, wie er sich Informationen beschaffen konnte.
„Antworte einfach: Hast du ihn an dem Tag selbst gesehen?“
Cole lehnte sich zurück, warf noch einen Blick auf das Bild. Irritierend. Es war nicht Miles. Dies war Maxwell. Sicher, er war auch ihm ein paar Mal auf den Wettkämpfen begegnet. Wortkarger als sein Bruder, meist umgab ihn ein unverkennbarer Odeur von Maschinenöl und Benzin. Diese Augen, dieses Kinn, diese verwegene Art – sie war beiden zu eigen.
Verdammt, warum nur war er so ein Vollidiot gewesen?
„Cole? Kannst du dich daran erinnern, Maxwell an dem Tag getroffen zu haben?“ Ungeduldig trommelten Eddies Finger auf den Tisch, eine Angewohnheit, die Cole an ihm absolut nicht leiden konnte.
„Das ist über drei Jahre her“, wandte er ein. Er erinnerte sich an das plötzliche Ausscheren der Maschine vor dem Absprung, an spritzenden Sand, schliddernde Reifen, das Bike in der Luft und dann den harten Crash. Den Schreck, die rote Flagge, den Aufschrei der Menge, die Lautsprecherdurchsagen. An das flackernde Licht und die Sirene des Rettungswagens, die tausend Fragen, die auf ihn einstürmten, während er wie betäubt am Rande stand, weil das Rennen abgebrochen worden war.
Miles war das Thema des Tages gewesen, nicht Maxwell. Hätte der nicht dort sein müssen? Wäre er nicht der Erste bei seinem Bruder gewesen? Morgens beim freien Training hatte Miles seinen üblichen blöden Spruch gegen Cole abgelassen. Damals hatte ihn das noch getroffen.
Nicht mehr.
Nein, das stimmte nicht. Fast bei jedem Wettkampf kam im Vorfeld eine versteckte Beleidigung oder Spitze, ehe sie ins Rennen gingen. An jenem Unglückstag hatte er ihn am Start weder angesehen noch eine obszöne Geste gemacht. Oh ja, daran erinnerte er sich genau: Er hatte sich gewundert und es auf die Anspannung oder Müdigkeit nach der Feier vom Abend zuvor geschoben.
Aber Maxwell? Wer hatte denn hinter Miles’ Maschine gestanden? Einer aus dem Team vielleicht, aber Maxwell war es nicht gewesen.
„Siehst du.“ Eddie klang triumphierend. „Es gibt zumindest berechtigte Zweifel, ob Maxwell für den Zustand der Maschine verantwortlich war oder nicht.“
„Das ist Bullshit, Eddie! Nur weil er beim Start nicht dabei war? Wenn er nicht verantwortlich war, wieso hat Miles das dann nicht richtiggestellt? Hey, es ging um seinen Bruder, der hochkant gefeuert wurde und ein Verfahren am Hals hatte. Deswegen war er weg vom Fenster, das war ein deftiger Arschtritt. Die Szene vergisst nicht. Sie verzeiht nicht.“
„Und du?“ Lauernd blickte Eddie ihn an. Cole war sicher, dass niemand Details von seinem Zusammenstoß mit Miles wusste, weil sie keine direkten Zeugen gehabt hatten. Weder er noch Miles hatten davon ein Wort verlauten lassen. Miles’ Beschimpfungen und ewige Spitzen dürften dennoch einigen zu Ohren gekommen sein. Die wüsten Wörter, mit denen er ihn bedacht hatte, klingelten noch in Coles Ohren und würden es immer tun.
„Eddie, ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist. Sicherlich ist, nein, war Maxwell mal spitze, aber es sind immerhin schon drei Jahre …“
„Er ist noch immer spitze. Ich habe mit seinem Arbeitgeber gesprochen, der ihn ungern gehen lässt und steif und fest behauptet, dass Maxwell Motoröl in den Adern hat und einfach jedes Motorschätzchen versteht. Ob er damals verantwortlich war oder nicht, jeder macht mal einen Fehler.“
„Noch so einer und ich liege in Einzelteilen im Sarg. Du vergisst, dass jeder Fehler tödlich sein kann“, wandte Cole ein. Er fühlte sich unbehaglich, konnte aber nicht genau benennen warum. Angst fuhr immer mit, Stürze gehörten zur Tagesordnung, daran war er gewöhnt. Aber das war es nicht, was ihn beschäftigte. Es war etwas anderes und das hatte leider, auch wenn er das nur ungern zugab, eher mit Miles als mit Maxwell zu tun.
Zwillingsbrüder. Gleiches Aussehen, gleiche Gene, gleiche Neigung. Worüber machte er sich also Gedanken? Hetero war hetero. Noch einmal würde ihm ein solcher Fehler nicht unterlaufen.
Seufzend betrachtete er erneut Maxwells Bewerbung. Wo war der wohl die letzten drei Jahre gewesen? Nach dem Skandal abgetaucht? Er an seiner Stelle hätte das vermutlich getan. Und er wäre nicht wiedergekommen.
Was Miles wohl dazu sagen würde, wenn sein Bruder bei der Konkurrenz auftauchte? Cole schmunzelte plötzlich. Dreckige kleine Genugtuung, aber ja, er fühlte sie. Der beste Mechaniker vor dem Crash könnte für ihn arbeiten. Ein Seitenhieb, ein Faktor, der Miles’ Arroganz empfindlich treffen konnte. Und wenn Maxwell wirklich noch immer so gut war, dann stiegen seine Chancen, Miles’ Arsch hinter sich zu wissen und auf dem Treppchen über ihm zu stehen. Was für ein gutes Feeling, was für eine Aussicht.
„Ich sehe, du bist nicht ganz abgeneigt“, unterbrach Eddie grinsend seine Siegesfantasien. „Wie wäre es, wenn du dir deine zweite Tasse Kaffee holst und ich ihn und diese beiden hier zum Vorstellungsgespräch ins Dirtcamp einlade? Du kannst dir dann persönlich ein Bild von ihnen machen und danach entscheiden, okay?“
Miss Sunshine rekelte sich und biss Cole liebevoll in die Hand, während er ihren Bauch kraulte und abwesend nickte. Er legte Maxwells Bewerbung zu den anderen beiden, die Eddie zur Seite schob.
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